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Petra Weiss und die Keramikszene in der Schweiz

Petra Weiss vertritt die Schweiz in einer Ausstellung, in der je ein Keramiker oder eine Keramikerin für ein Land steht. Wie weit aber ist das Werk des Künstlers, der gezeigten Künstlerin, für das keramische Schaffen im jeweiligen Land auch repräsentativ, Ausdruck etwa einer für das Land typischen Schule? In der vielsprachigen Schweiz erscheint die Frage, so gestellt, selbst fragwürdig. Denn das Werk von Petra Weiss hat nichts zu tun mit den Schulen, die aus der Töpfertradition im Kanton Bern hervorgegangen sind, oder mit den Anregungen, weiche die Schule von Genf vermittelt hat. Ihr Werdegang ist jener Region der Schweiz verbunden, die schon in der Vergangenheit mehr als jede andere künstlerische Kräfte in viele Länder Europas entsandt hat, nämlich dem italienisch sprechenden Tessin. Dort, wenn man von Schule sprechen will, ist ihr Werk aus starker Verbindung mit Italien, mit Faenza, hervorgegangen.

Petra Weiss ist 1947 in Cassina d'Agno zur Weit gekommen. Aufgewachsen ist sie in der Bildhauerwerkstatt ihres Vaters. Die Affinität zum plastischen Material Ton scheint ihr angeboren, und im Lauf der Zeit hat sie einen ganz eigenen Umgang mit ihm entwickelt. Schon früh faszinierte sie der erstaunlich gegensätzliche Charakter des Stoffs; je nachdem wie sie ihn behandelte, zeigte er sich sanft, glatt und lieb, folgte er geschmeidig dem Strich ihrer Finger oder war er widerstrebend, brach auf und offenbarte eine rauhe, ungezähmte Natur. Eine elegante, makellose Erscheinung war hier nur die Hälfte der Wahrheit; es gab die andere, innere Seite. Im geformten Kunstwerk sollte auch sie zum Ausdruck kommen. So ließ sich Petra Weiss auf das Abenteuer ein, die Spannweite der Audrucksmöglichkeiten, die die Natur des Tons bot, zu erkunden. Vorgänger und Mentor auf ihrem Weg wurde ihr Carto Zauli in Faenza.

Bevorzugtes Motiv, an dem sie diese Spannweite erprobt hat, waren vorerst Stapel von bewegten, gewellten Tonblättern, wobei das oberste Blatt jeweils dran war, verletzt und zerrissen zu werden, waren aufgestellte Buchblökke, deren Seiten abrutschten und deren vorderstes Blatt von entsprechenden Bruchspuren gezeichnet war. Dann aber wurden die Formen blockhafter, angewitterter und seit 1984 nah men sie die Gestalt von verwitterten, gesprengten Pyramiden an, von schrundigem Blockschutt aus kristallinem Urgestein, auf den glatten Partien der Oberfläche weiß, wie leicht verschneit' in der Tiefe der Spalten aber rauh und dunkel Damit nicht genug, hat sie den Prozess der Ver witterung, der Auflösung weitergetrieben, in dem sie den Ton, dieses Verfallsprodukt des Granits, des Feldspats, nur mehr klumpen- und klümpchenweise, gewissermaßen in Elementarteilchen zerlegt, zu verarbeiten begann. Glatt gedrückt bilden solche Teile bröselig-körnig ausgefranste Ränder. Aneinandergereiht und aufgehäuft fügen sie sich zu einem ungestalten Agglomerat, das von Petra Weiss nun einem streng geometrischen Prinzip unterworfen wurde, indem sie die lockere, brockige Masse in stereometrische Körper einband; so entstanden Pyramiden, Würfel, Prismen, Dreieck- und hohe Rechteckformen, unten mit schmaler Basis, oben mit scharfer Schneide, die wieder an die kristallinen Formen des Urgesteins erinnern, in dem der amorphe Ton seine ferne Herkunft hat. Die geraden Kanten der geometrischen Gebilde weisen Scharten auf, die glatten Flächen Löcher. Manchmal sind die hochgestellten Breitseiten wie aufgeschlagene Fächer gestaltet, mit fein gezähnten Rippen, wie gefiedert; in anderen Fällen erscheinen sie wie ineinandergeschobene Wolkenkulissen. Und es gibt auch Bäume.

Die Werke, früher noch in Grau, Weiß und Schwarz gehalten, sind nun farbig geworden, neben schwarz und grau-blau, gelb und grün, gelegentlich auch etwas rot. Die Farbe deckt die glatten Partien der Oberfläche bis auf die feine Konturzeichnung der rauhen Ränder. Sie ist als matte, opake Glasur aufgespritzt, bildet schummrige Übergänge von Gelb zu Blau, von Grün zu Gelb, gerade Abgrenzungen, präzis schablonierte Spickel, einen gelben Lichtstrahl, Streifen. Dabei kommt es zu Eindrücken, die den meditierenden Betrachter weit über die Grenzen der gegebenen Wirklichkeit hinaus zu entführen vermögen. Die schollenschwere Erde erscheint nun plötzlich als vom Regenbogen gestreiftes Wolkenband, erscheint als offener, an den äussersten Rändern gezackter Horizont mit besonnten Spitzen, erscheint in tönerne Flügel verwandelt, die sie befähigen, sich zum Himmel aufzuschwingen. Petra Weiss fordert uns auf, ihr dorthin zu folgen, wo nach ihren eigenen Worten "alles möglich wird, auch mit tönernen Segeln zur See zu fahren".

Fragt man nach dem Verhältnis zur keramischen Szene Schweiz, dann setzt hier das Werk von Petra Weiss zwar einen Hauptakzent, hat sich durch die vergangenen zwei Jahrzehnte aber fast gegenläufig zu dieser entwickelt. in der Schweizer Keramik kam in dieser Zeit eine starke Tendenz auf, sich dem großen gestalterischen Freiraum, der vom Stoff her gegeben ist, zu verschließen und das Material in Formen von extrem solidem, massivem, dickwandigem, scharfkantigem Aussehen zu bannen, oder es in extrem fragilen, hauchdünnen Arbeiten an seine Grenzen zu treiben. Petra Weiss dagegen hat sich mit ihrem Schaffen stetig und konsequent in diesem Freiraum bewegt; dabei hat sie unbe- fangen und großzügig, selbstverständlich und frei die Grenzen überschritten, jenseits derer das Reich der Vorstellungskraft, das Reich der Kunst liegt, in dem "alles möglich wird".

Dr. Rudolf Schnyder


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