Im Jahre 1948 gründeten einige junge Dichter und Maler die «Experimentelle Gruppe»
in Holland, um - wie es in ihrem Manifest hiess - «mit vereinten Kräften gegen jene
erstarrten ästhetischen Auffassungen zu kämpfen, die einer freien Entfaltung der neuen
künstlerischen Prinzipien im Wege stehen». Die gemeinsame Arbeit mit einigen jungen
Schaffenden in Belgien (Alechinsky) und Dänemark (Asger Jorn, C.H. Pedersen)
leitete vorübergehend zur Gründung des Bundes «COBRA» (Copenhagen, Brüssel,
Amsterdam), dessen künstlerisches Wirken heute international bekannt ist.
Luceberts erstes Auftreten im Amsterdamer Stedelijk Museum, anlässlich der COBRA-
Ausstellung 1949, endete in einem wahren Tumult. Polizeibeamte mussten dieser
Vorlesung von Lucebert und seinen Gefährten damals ein vorzeitiges Ende bereiten.
Heute, etwa zwölf Jahre später, sind Luceberts Lyrikbände, die anfänglich starker
Ablehnung begegneten, als Taschenbücher in den für Holland ungewöhnlichen
Auflagen von je zehntausend Exemplaren verbreitet. In seiner Bildersprache, die nicht ans
Wort gebunden ist, seinen Gemälden, Gouachen, Zeichnungen und Graphiken, findet
Lucebert heute in allen wichtigen Kunstzentren von New York bis Paris starke
Beachtung.
Schliesslich wählten Lucebert und seine Mitstreiter für ihre holländische Gruppe im
Jahre 1950 den Namen «Die Fünfziger». Eine begreifliche Kennzeichnung, wenn man
berücksichtigt, dass es in den Niederlanden einstmals die Bewegung «Die Achtziger»
(entstanden im Jahre 1880) gab, die in jener Zeit um die Erneuerung der niederländi-
schen Lyrik kämpfte.
Aus dem Wirbel der Zerstörung trat eine neue Nachkriegsgeneration hervor. Mit dem
Recht der Jugend kämpften die Dichter und Maler nach den düsteren Tagen des
Krieges um einen neuen Beginn. Lucebert (Kaiser der «Fünfziger») und seine
Mitstreiter wurden - darin den niederländischen Erneuerern der verflossenen Epochen
ähnelnd - zur Sammlung, zum Manifest, zur Proklamierung der eigenen Gruppe
gedrängt. Die Rebellion war gerichtet gegen die Überspitzung des Intellektes, den
Missbrauch der Wissenschaft, die Hybris der Technik, das Walten der differenzierten
Gesetzlichkeiten der Zivilisation, sie gab dem «Unbehagen in der Kultur» Ausdruck. Einflüsse
des Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus machten sich in gleicher Weise
bemerkbar wie Anregungen der bahnbrechenden, niederländischen Lehrmeister von
gestern. Die besondere Neigung galt aber den Ausdrucksformen der primitiven Völker.
Die weitschichtigen Ergebnisse solchen Suchens und Forschens äussern sich am
deutlichsten in der expressiven Zeichensprache einiger Maler dieser Gruppe. Mehrere
starke Talente, die man heute weithin kennt, sind daraus hervorgegangen: die Maler
Karel Appel, Corneille und Constant. Aus der «COBRA», der internationalen Gruppe,
traten Kräfte wie Alechinsky, Asger Jorn, Egill Jacobsen und andere Künstler hinzu. Die
«Unfugstifter» von gestern - wie man sie anfänglich so gern nannte - haben
inzwischen recht angesehene Namen gewonnen.
Lucebert, das stärkste Talent unter den jungen niederländischen Lyrikern, äusserte in
einem seiner frühen Gedichte diese bekennenden Worte:
In dieser Zeit hat was immer man nannte
Schönheit Schönheit ihr Gesicht verbrannt
Sie tröstet nicht mehr die Menschen
Sie trostet die Larven die Reptile die Ratten
Aber den Menschen erschreckt sie
und leiht ihm die Ahnung
Staub nur zu sein auf dem Kleide des Universums
Aus solchen Versbindungen, in denen Gedanke und Bild ineinanderfliessen, schält sich
bereits das Paradoxon seiner Weltsicht heraus. Die schmückende Arabeske ist ihm
völlig wesensfremd. Es war schon die Rede von expressionistischen, dadaistischen und
surrealistischen Einflüssen auf die ganze Gruppe um diesen Dichter. Auch in Luceberts
Versen kann man einiges davon entdecken, etwa die Kennzeichen der «écriture
automatique», der assoziativen Aufnotierungsweise der Surrealisten. Ein besonderes
Merkmal seiner Verskunst ist sein diszipliniertes Spiel mit Wortprägungen, die einen
doppelten oder zuweilen auch mehrfachen Sinn haben, ineinandergreifenden
Laut-Wort- und Satzbildungen. So vermag er seinen Antithesen, Paradoxien, Assoziationen
ein einheitliches Gefüge zu geben. Dabei bedient Lucebert sich ganz und gar nicht der
spitzen Feder eines Literaten, sondern seine wahrhaft dichterischen Gleichnisse tragen
viel eher die Züge der magischen Beschwörung. Seine Verse sind mit dunklen und
hellen, primitiven und raffinierten Bildern, mit bitteren und milden, dramatischen und
spöttischen Gedanken und Empfindungen geladen. So weiss er den Zwiespalt als
Einheit zu zeigen und den «Raum des umfassenden Lebens zum Ausdruck zu bringen».
Aus dem interessanten Bande des jungen holländischen Kritikers C. Buddingh über
Luceberts Lyrik («Eenvouds verlichte waters») seien einige charakteristische Worte
zitiert: «Luceberts Lyrik ist ausgesprochen dramatisch, alles befindet sich in ständiger
Bewegung, eine Szene folgt auf die andere, nicht nur die Personen, auch die Gegeben-
heiten wie Sonne, Mond, Sterne, Wind und Regen, dies alles nicht nur mit,
sondern es beisst, schlägt, atmet, hämmert, tobt, donnert, grollt geradezu mit, wie man
- in Analogie zu Sprache Luceberts - sagen kann.»
Lucebert ist eine Doppelbegabung. Heute vergräbt er sich zwischen Büchern und
Manuskripten, morgen steckt er den ganzen Tag in seinem ausgedehnten Atelier, heute
ist er ganz der Melodie seiner Verse hingegeben, morgen arbeitet er wie ein Besessener
an seinen Gemälden, Gouachen, Zeichnungen und Radierungen. Die Grenzlinie
zwischen beiden Ausdrucksformen ist aufgehoben. Was er mit den Augen des Malers
entdeckt, dringt nicht nur in seine Bilder, doch auch in sein Wort, gibt seinen Versen
die dunkle, langsame, schwerfällige Bewegung. Ob er malt, zeichnet oder schreibt,
stets bleibt es das nämliche Sinnbild der Weltlandschaft von «Finsternis und Licht».
Wenige Dichter verfügen über eine solch ausgewogene Kornbinatorik zwischen Bild
und Wort. Seine bildnerischen Einfälle, skurril und grimmig, wirken wie Übertragungen
aus der Welt dichterischer Gleichnisse. Manchmal entdecken wir in seinen Blättern
ganze Erzählungen - nur eben, dass er seine Themen auf die ihm eigene Weise
assoziativ zu verflechten und in seiner expressiven Zeichensprache auszudrücken
weiss. Die Vielfalt seiner Baustoffe fliesst zur Einheit ineinander.
Ludwig Kunz, 1962
NB: Heute, 38 Jahre später, haben die Worte von Ludwig Kunz noch immer ihre
Gültigkeit.
|