Obwohl die Stechkunst in jener Zeit als einfache handwerkliche Tätigkeit betrachtet und
hauptsächlich von Goldschmieden gekannt und ausgeübt wurde, erweist sich gerade durch sie,
welche "außerordentliche Ausdruckskraft" das Deutschland des 15. Jahrhunderts besaß.
Panofsky meint, daß Deutschland "niemals einen der allgemein in den Unterteilungen der
Kunstgeschichte anerkannten Stile ausgedrückt hat ... vielmehr habe es internationalen Einfluß
dadurch erlangt, daß es einzelne Kunstwerke und ikonische spezielle Typen hervorbrachte, die
akzeptiert und nachgeahmt wurden, und zwar nicht als Exemplare eines kollektiven Stils,
sondern als persönliche Gestaltungen".
Zu den wichtigsten dieser Gestaltungen in Dürers Zeit zählten die "Frömmigkeitsdarstellungen".
Diese wiesen in Deutschland eine stark dramatische Betonung auf, so daß sie eine heftige
emotionale Anteilnahme hervorriefen und gerade aus diesem Grund eine "dauerhafte subjektive
Betrachtung" erlaubten.
Ubrigens zirkulierten schon einige Jahrzehnte zuvor in Deutschland äußerst interessante auf
Papier gedruckte Bilder, die, ohne Frömmigkeitsdarstellungen zu sein - denken wir an Meister E.
S. oder den Meister des "Hausbuches" -, beachtlichen Einfluß auf die Bildung der
Ikonentypologie jener Zeit ausübten.
Man sollte jedoch in dieser historischen
Situation um 1455, immerhin sechzehn
Jahre vor Dürers Geburt, nicht
unberücksichtigt lassen, daß Gutenberg
in Mainz bereits seine berühmte "Bibel
der 42 Zeilen" gedruckt und damit einen
unauflhaltsamen Prozeß der "Modernität"
in Gang gebracht hatte, welcher trotz
anfänglicher wirtschaftlicher Fehlschläge
in nur etwa zwanzig Jahren zur
Einrichtung einer typographischen
Werkstatt in jeder größeren europäischen
Stadt führte.
Albrecht Dürer, geboren 1471 in
Nürnberg, beginnt sein Leben also in
einer Zeit großer Erneuerungen und
außergewöhnlicher Umwälzungen im
Bereich der Vervielfältigung und
Verbreitung sowohl von schriftlich
fixierten Kenntnissen als auch von
Bildern. Er verbringt seine ersten
Lehrjahre in der Goldschmiede-
werkstatt seines Vaters, dort erlernt er die Kunst der Metallgravur. Doch schon im Jahre 1486
"arbeitet" Dürer im Atelier von Michael Wolgemut, einem der bedeutendsten Maler Nürnbergs
in jener Zeit, wo auch bereits zahlreiche Holzschnitte entstehen.
Es war offensichtlich eine Zeit äußerst schneller Veränderungen der, wie wir heute sagen
würden, "Massenkommunikationmittel", eine Zeit, in der die "erkennbare" Figur eines Meisters
wie Martin Schongauer (1453 - 1491), tätig in Colmar, eine wichtige Rolle spielte. Diesen Meister
hätte Dürer nicht zufälligerweise gerne persönlich kennengelernt, er erreichte die elsässische
Stadt allerdings leider erst nach dessen Tode am 2. Februar 1492. In jenen Jahren der zweiten
Hälfte des 15.Jahrhunderts vollzieht sich - bei genauerem Betrachten - eine epochale Revolution
in der Verbreitung von bildlichen Darstellungen, die unter gewissen Gesichtspunkten dem
Anbruch der Ära des Fernsehens und der elektronischen Kommunikation ähnelt, die wir heute -
500 Jahre später - miterleben.
Man muß deshalb den künstlerischen Werdegang Dürers in diesen geschichtlichen und
kulturellen Zusammenhang setzen, um das Zeichen der Modernität seines Verhaltens und den
Wert seiner Erneuerung der Ausdrucksmittel in dieser Epoche zwischen dem 15. und 16.
Jahrhundert richtig zu verstehen.
Dürer und Venedig
Am 7. Juli 1494 heiratet Albrecht Dürer Agnes Frey, ein anmutiges und bescheidenes
Mädchen, mit der er weder Kinder noch Glück haben wird. Er hat zu ihr sein ganzes Leben keine
enge, oft aber schwierige Beziehung, abgemildert jedoch immer durch eine besänftigende und
beruhigende Affektivität.
Daher ist es auch kein Zufall, daß der
Künstler schon im Herbst des gleichen
Jahres Nürnberg verläßt und zum ersten
Mal nach Venedig reist, wo er auf der
Suche nach der "intellektuellen
Dimension" ist, die er offensichtlich in
seiner Heimatstadt - obgleich damals
schon einer der reichsten und kulturell
lebendigsten Städte Deutschlands nicht
fand.
Es ist wenig wahrscheinlich, daß Agnes
Frey ihm in dieser Entscheidung
beistimmte, denn sie hielt "den Mann, den
sie geheiratet hatte, für einen
spätmittelalterlichen Maler", was soviel
bedeutet wie "ein ehrlicher
Kunsthandwerker, der Bilder herstellt".
Auch billigte seine Ehefrau zu keiner Zeit
die außergewöhnliche und lebenslange
Freundschaft mit dem Humanisten
Willibald Pirckheimer, mit dem Dürer einen
Großteil seiner Zeit zum
Diskutieren über Chemie und
Perspektiven, über Mythologie
und Mathematik sowie über
Archäologie, Geometrie und
Philosophie verbrachte.
Pirckheimer studierte zu jener Zeit in Pavia, so daß die erste Reise Dürers nach Venedig
sicherlich mit diesem Umstand in Zusammenhang zu bringen ist. Dürer wollte in Venedig vor
allem mit der großen Bewegung der "Wiedergeburt" der "mehr als ein Jahrtausend
verborgenen" Künste in direkte Berührung kommen und sich "die geheime Kunst der
Perspektiven" und der exakten Proportionen der menschlichen Gestalt zu eigen machen.
Der Einfluß dieses ersten Aufenthalts in Venedig zeitigte bereits nach seiner Rückkehr nach
Nürnberg im Jahre 1495 erste Resultate, denn in den folgenden fünf Jahren stellte Dürer mehr
als sechzig Stiche und Holzschnitte her, die ihm schon nach kürzester Zeit europäischen Ruhm
einbrachten.
Unter diesen Werken - um nur einige der berühmtesten zu nennen - befinden sich das "Bad der
Männer" aus dem Jahre 1496/97, "Die vier Hexen" (1497) und die außergewöhnliche Reihe der
"Apokalypse" im darauffolgenden Jahr.
Doch kehrte Dürer auf einer zweiten "unverzichtbaren" Reise im Herbst 1505 nach Venedig
zurück, wo ihm die deutsche Gemeinschaft dort in der Zeit seines Aufenthalts bis zum Ende des
Jahres 1506 viele Ehrungen erwies und ihm auch die Ausführung eines Polytichons für den
Altar der St. Bartolomäus-Kirche anver-traute.
Unter den venezianischen Malern schloß er Freundschaft vor allem mit Giovanni Bellini, der ihn
sehr schätzte, und mit Jacobo De' Barbari, von welchem die berühmte große Holzschnitt-Karte
von Venedig stammt, während die anderen Künstler seine Berühmtheit und die hohe
Anerkennung, die er genoß, anscheinend schlecht ertrugen.
"Hie bin ich ein Herr", schrieb er nicht von ungefähr an Pirckheimer, "doheim ein
Schmarotzer".
Die venezianischen Maler der Zeit kritisierten an Dürer den "groben" Gebrauch der Farben und
das "Fehlen eines wahrhaft klassischen Geistes"; dennoch bewunderten sie seine
außergewöhnliche Gravierkunst und die Begabung, ikonographische Motive zu "erfinden", wie
man sie bis dahin noch nie gesehen und gebraucht hatte.
Es ist auch möglich, daß Dürer auf dieser zweiten Reise bis nach Florenz und vielleicht sogar
nach Rom gelangt ist.
Genau betrachtet stellen seine Italienreisen für die Künstler und Gebildeten Deutschlands den
Beginn einer "großen Tradition" dar und können daher mit Recht als Ausgangspunkt der
Renaissance in den nördlichen Ländern Europas bezeichnet werden. Man sagt in der Tat in
einer ziemlich kurzgefaßten Formulierung, daß Dürer nach Italien kam als Künstler
der Gotik und zurückfuhr als Künstler der
Renaissance.
Dürer und die Gravier-und Schnittechnik
Wie bereits erwähnt, wurde Dürer als
Sohn eines Goldschmieds und Schüler
von Wolgemut schon in sehr jungen
Jahren in die Kunst der Metallgravur
eingeführt, die er - abgesehen von einigen
seltenen Stahlstichen - unmittelbar und
vor allem in der Sticheltechnik
umsetzte.
Uber die Ausführung seiner Holzschnitte
haben wir hingegen keine verläßlichen
Auskünfte; wie zu jener Zeit üblich,
stellte er dazu wohl einen erfahrenen
Holzschneider ein, vermutlich aus der
Werkstatt von Wolgemut, der - nach der
konstanten Qualität und einer bestimmten
Handschrift nach zu urteilen - immer
derselbe war
Bei Dürers gesamten Gravuren und Schnitten fallen gleichwohl zwei grundlegende und
bezeichnende Aspekte ins Auge. Auf der einen Seite war es Dürers moderne Auffassung der
Schnittechnik in Metall und Holz, deren außerordentliche Neuheit der technischen
Möglichkeiten auf diesem Gebiet er erkannte und die es ihm ermöglichte, seine Drucke über
ganz Europa zu verbreiten.
Im übrigen hatte auch Tizian in Venedig diese Modernität verstanden: er bediente sich der
angesehensten zeitgenössischen Holzschneider (Ugo da Carpi, Domenico dalle Greche, usw.),
um seine Gemälde "vervielfältigen" zu lassen und so den wichtigsten europäischen
Auftraggebern bekannt zu machen.
Auf der anderen Seite muß man jedoch betonen, daß Dürer der Sprache der Kunst eine große
Selbständigkeit des Ausdrucks zuschrieb - und das war eine wirkliche Erneuerung in der
Zielsetzung - und dadurch in seinem Werk eine nie zuvor gekannte Eigentümlichkeit und
Selbstbestimmung erreichte.
Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Lukas Cranach (1472 - 1553), der eine große
Druckwerkstatt besaß und sich der Holzschnittechnik bediente, um die Ideen der Reformation
und Luthers zu verbreiten, arbeitet Dürer allein in seinem Atelier. Er steht geistig Erasmus von
Rotterdam näher als Luther und statt sich an den "Anti-Papst-Polemiken" zu beteiligen, setzt er
sich in seiner Gravurkunst die Aufgabe, in beunruhigenden Motiven die Auseinandersetzung
mit religiösen und philosophischen Problemen einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Seine Darstellungen in Holz und Metall haben wenig zu tun mit seinem gemalten Opus; sie
stellen eine in sich abgeschlossene Welt dar, die ohne diese besondere Sprache nicht zum
Ausdruck gekommen wäre. Der ästhetische Wert seiner Gravierungen ist ein weltweit
anerkannter Fakt. Die formalen Leistungen, zu denen er auf diesem Gebiet gelangte, gehören zu
den höchsten sowohl innerhalb seines eigenen Werkes als auch im Rahmen der gesamten
europäischen Kunst in der Zeit zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert.
Und schließlich ist es eine grundlegende Tatsache, daß der Prozeß der Vereinheitlichung
europäischer Kultur auf allen Ebenen zeitgleich mit dem europaweiten Vertrieb der Druckgrafik
Dürers - manchmal sogar in Fälschungen, wie in dem bekanntgewordenen Fall von Marcantonio
Raimondi aus Venedig - seinen Anfang nimmt.
Die Welt Dürers
Dürer war als psychologisch komplexe und intellektuell unruhige Persönlichkeit ein Visionär
"reich an Bildern von innen". Er war ein Naturbeobachter voller Neugier und Wißbegierde für
alle neuen Dinge und ausgestattet mit Nachdenklichkeit über das Schicksal des Menschen. Er
könnte als moderner intellektueller Künstler bezeichnet werden, weil er letzendlich zu einer
rationalen Anschauung der Naturphänomene strebte. obwohl für ihn die Kunst ein Geschenk
Gottes und ein unerklärbares Mysterium blieb.
Von Grund auf religiös erlebte er die Qualen dieses Widerspruchs und, obwohl er einen großen
Teil seines Lebens mit Studien der Natur verbrachte (er war sogar bereit, eine Reise anzutreten,
um ein Nashorn oder einen Wal zu sehen), sowie mit Studien der Philosophie, der Alchemie, der
Perspektiven und der menschlichen Proportionen, mußte er sich eingestehen, daß "die
theoretischen Regeln nicht in der Lage waren, der unendlichen und komplexen Schöpfung
Gottes gerecht zu
werden".
Er verspürte lebhaft, daß der Bildenden
Kunst im Deutschland seiner Zeit das
"richtige philosophische Fundament"
fehlte, trotz ihres hohen technischen
Könnens, und daß sie ohne dieses
Fundament riskierte, nur eine
"unbedachte Nachahmung" zu sein. Von
diesem Standpunkt her kann man wohl
sagen, daß die "Zwiespältigkeit" Dürers -
also seine ungelösten und
beängstigenden inneren Konflikte - erst
durch die Konfrontation mit der
italienischen Kunst und Philosophie
hervorgetreten ist.
Deshalb erscheinen uns auch heute
noch einige seiner Werke als
außergewönliche Visionen, die niemals
als etwas Nachahmendes erscheinen,
auch wenn sie oft genug schwer lesbar
und manchmal überhaupt nicht zu
"entschlüsseln" sind.
Ein Blatt wie "Männer im Bad", das uns auf den
ersten Blick wie eine Genre-Szene erscheint, wird bei
genauerem Betrachten zu einem latenten,
verwirrenden Mysterium, vergleichbar mit dem
Einfluß der Musik auf den menschlichen
"Charakter".
Daher können Kupferstiche wie "Ritter, Tod und
Teufel" oder die "Vier Reiter der Apokalypse" nur
begriffen und entschlüsselt werden, wenn man
Dürers vielfältige Anhaltspunkte und Uberlegungen
in Beziehung zum Mysterium des Glaubens
berücksichtigt.
Trotz intensiver Forschung erscheint heute seine
berühmte "Melancholie" noch immer bezaubernd
und mysteriös. Und obwohl ihre zahlreichen
alchimistischen und esoterischen Symbole alle
untersucht und gedeutet worden sind, gelingt es
trotzdem nicht, eine endgültige Interpretation dieser
Darstellung zu erzielen, die nach Meinung vieler
Gelehrter eine Art "geistiges Bildnis" des Künstlers
wäre.
Die Beurteilung des Werkes von Albrecht Dürer ist immer voller Widersprüche gewesen und
hat sich im Laufe der Jahrhunderte so sehr verändert, daß einige Gelehrte, die die Dichte und
das reflexive Ausmaß der Ideen in seinem Werk nicht verstanden haben - nicht einmal die
einfach religiösen wie die "Große Passion" -, über seine Fähigkeit in der Gravierkunst
geschrieben haben, "er hätte nie vollständig die Lehrzeit der Nürnberger Goldschmiedekunst
überwinden können".
In der Romantik wurde er dagegen als ein Künstler gesehen, der sich der Verbreitung religiöser
Themen und Geschichten widmete, ohne dabei zu vergessen, daß "ein Künstler nur ein
Handwerker Gottes ist".
Aber die faszinierendsten und aufregensten Aspekte seiner komplexen Persönlichkeit
erscheinen heute - vor allem in seinem graphischen Werk - unter einem ganz anderen Licht, das
das Werk eines Künstlers von außergewöhnlicher und bildreicher Größe und verwirrender
Konturen erhellt, die sich zwischen der Wissenschaft und der Alchemie, den Uberlegungen
über das ungelöste Mysterium des menschlichen Schicksals und einer überraschenden
Modernität im intellektuellen Verhalten bewegen.
Dürer starb am 6. April 1528 in seinem Nürnberg, wo er neben seinen malerischen und
graphischen Werken auch eine Schrift über die Theorie der menschlichen Proportionen
hinterließ, die sechs Monate nach seinem Tode veröffentlicht wurde.
Er wollte, daß auf seinem Grabstein eingraviert stehen sollte als Offenbarung für die
Nachkommenden: "Das Sterbliche an Albrecht Dürer ist unter diesem Stein begraben".