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Prof. Dr Kurt Herbers : Die Integration von Geist und Materie im Schaffen André Bucher

Andre Bucher war für mich ein Phänomen, einmal in der Begegnung mit dem Künstler und schöpferischen Menschen, aber auch hinsichtlich der Impulse, die er dem Material - dem Werkstoff - für die Verwirklichung seiner Ideen und Konzeptionen gab. Ich war fasziniert von dem Gedanken, einen Werkstoff einzubeziehen in die Gestaltung seiner Plastiken, den bisher auf künstlerischem Felde offensichtlich niemand in den Kreis der Möglichkeiten genommen hatte: Lava.
Jedes «Was", das ein Künstler gestalten will, kann ja nicht ohne ein «Wie" zum Ausdruck gebracht und jedes Thema kann technisch nur auf eine bestmögliche Art realisiert werden. Der Weg von der Idee des Künstlers bis hin zum fertigen Kunstwerk ist ein Weg des Geistes in die Materie, in der er sich verkörpert. Im Kunstwerk verbinden sich Geist und Materie, und beide - nicht mehr unterscheidbar - sprechen fortar eine Sprache. Der Künstler, als souveräner Beherrscher des Stoffes, bringt dessen Strukturmöglichkei ten zu freier Entfaltung, um zuletzt durch sein Ingenium die Materie selbst zu überwinden. Als eigentliches Resultat dieses Vorganges bleibt ein Geistiges sichtbar manifestiert durch Form und Material. Zwar machen Holz, Bronze, Stein oder anderes das Wesen z. B. einer Skulptur nicht aus, aber sie tragen zu ihm bei. Material und Technik sind Vermittler, durch deren Hilfe sichtbar gestaltet wird, und sie sind nicht «neutral", nicht gegeneinander auswechselbar, sondern sie sind verschieden wie die verschiedenen Organe eines Körpers und wie diese zu spezifischen Aufgaben geeignet. Der von Wilhelm Pinder geprägte Begriff der «Werkkraft» - im Gegensatz zum Werkstoff - lässt sich hierfür anwenden. In jeder künstlerischen Technik ruht latent eine eigentümliche Dynamik, die der Künstler als mit-bildende, mit-bestimmende Kraft in seinem Werk lebendig macht. Diese Kräfte können vom Künstler falsch eingesetzt werden, aber er kann sie nie ausschalten, si unterstehen eigenen Gesetzen.
e im Schaffen Andre Buchers Erich Schwebsch, der mit seinen ästhetischen Schriften auf Rudolf Steinerfusst, schrieb einmal: es könne der Künstler, der so seinen Stoff liebend kennt, durchaus nicht alles daraus machen,, weil . . . er entdeckt, dass (der Stoff) seine Freiheit, sein Eigenwesen hat, das respektiert werden will, wenn gerade aus ihm künstlerische Sprache ertönen soll ... So stösst der Künstler in seiner Technik schliesslich auf ein moralisches Element, und mit Recht spricht er gerade dort von Wahrhaftigkeit oder Lüge.» So wird in einervielfältigen Auseinandersetzung und Durchdringung schliesslich zwischen Idee und Gestaltung die grösstmögliche Entsprechung erreicht. «Die Kräfte des Materials nehmen den künstlerischen Willen in ihre Wirksamkeit auf, und es entsteht in der Erkenntnis der Gesetze des Materials das Kunstwerk ... Durch seine Technik, die von zukunftträchtiger, an exakter Sinnenerkenntnis geschulter Phantasie geleitet wird, wird der Künstler zum Manifestator geheimer Naturgesetze, die ohne ihn schwerlich würden offenbar werden." (Schwebsch).
Ein Kunstwerk existiert nicht «an sich", sondern nur in der einen bestimmten Gestalt, die der Künstler ihm gegeben hat, und zwar auch mittels Technik und Material. Wenn derselbe Künstler dasselbe Sujet einmal in Holz und einmal in Bronze oder in Stein schafft, dann können nicht nur, dann müssen die Arbeiten wesensmässig voneinander verschieden sein. Der Künstler hat sich gleichsam verschiedener künstlerischer Organe bedient, um einen geistigen Gehalt in sichtbare Form zu bringen.
Ich halte den «Sprung", den Andre Bucner mit der Bewältigung des neuen Werkstoffes Lava gemacht hat, für so grundsätzlich, dass ich versuchen will, ihn eingehend zu durchleuchten und damit in der Betrachtung einen Weg zu fundieren, der von der Seite des verwendeten Materials dem Kunstwerk näher kommt. Diese Intention beschäftigt mich seit langem, so dass ich z. B. in den Jahren 1940-1945 mit einem Kreis von Künstlern und Theoretikern Werkstoffe daraufhin untersucht habe, ob diese in einem Kunstwerk eine eigenschöpferische Aktivität entfalten, also über das hinausgehen, was der Künstler als Idee mit ihnen vermitteln möchte. Natürlich ist der Schöpfungsakt durch die Konzeption des Künst lers in eine bestimmte Richtung verwiesen durch die Wahl des zu verwendenden Werkstoffes, aber kann er in jedem Falle festlegen, welche Gesetzmässigkeiten des Materials sich entfalten werden? Es führte damals zu interessanten Ergebnissen, die noch der Veröffentlichung harren. Dies alles wurde angeführt, weil der zur Verfügung stehende Platz hier nicht aus" reicht, um die wissenschaftlichen und künstlerischen Grundlagen herauszuarbeiten, die die überragende Bedeutung der Schöpfungen Andre Buchers herauszustellen vermöchten. So möge der Leser verzeihen, dass ich hier auf eigene Arbeiten verweise.
Die Gespräche zwischen A. B. und mir versuchten natürlich, alle Motivationen, Gedankenassoziationen oder andere Quellen seiner künstlerischen Phantasie zu ergründen, aus denen heraus er seine Werke gestaltet. Dabei verwies ich ihn auf manche Publikation, die ich einer bestimmten kunstwissenschaftlichen Thematik gewidmet habe (es seien hier die Titel «Die Maltechniken, Mittlerzwischen Idee und Gestaltung", Düsseldorf 1957; «Offenbarungen in der Malerei des 20. Jahrhunderts>>, Düsseldorf 1966, erwähnt). Die Problematik ist prinzipiell dieselbe, ob der Künstler nun mit Malstoffen arbeitet oder mit zu plastizierendem Material. Insofern möchte ich die hier gegebenen Gesetzmässigkeiten und kunstästhetischen Blickpunkte auf das Material Lava übertragen. Es bekommt seine Formkraft und seine künstlerische Aussage bei Bucher durch den Zusammenhang mit dem Metall, z. B. Bronze, und wird einer Einheit zugeführt, die als Kunstwerk empfunden wird. Bei der Lava, die ja im glühenden Zustand verarbeitet wird und sich so der Gestal tungskraft des Künstlers einfügt und beugt, empfinden wir ein Stück individueller Aussage vom Material her, die das Geheimnis der Materie besonders stark zum Ausdruck bringt. Materie ist in solchem Geschehen eben nicht nur lebloser Stoff, sondern selbst schaffendes Element, das die übergeordnete Konzeption des Künstlers in die Zusammenhänge des Gesamtkunstwerks hineinstellt.
Im Stoff haben wir das Alter und gleichsam den Tod der Welt vor uns. Diese Gedanken stellen uns vor die Frage, wie durch mutvolle Formung des Erdenstoffes dieser beseelt werden kann. Wie seit Urzeiten ist die Uberwindung des Todes durch die Beherrschung und Verwandlung der Materie im Dienste des Geistes auch in heutiger Zeit, und sicher noch stärker in der Zukunft, eine zentrale Mission der Kunst. Insofern können künstlerische Bemühungen zu einer Verjüngung und Erneuerung beitragen, denn es kommt so auf einer höheren Ebene zu einem Bejahen der Natur. Das, was der Künstler aus dem Erdenstoff macht, ist nicht nur eine Formung, es wird zum Symbol.

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