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Sylvio Acatos : Vom Feuer zum Vulkan und über den Vulkan hinhaus

Lässt sich die Begegnung mit dem Ätna - die erste fand 1975 statt - in die logische Entwicklung Ihrer Arbeit einreihen ?

Ich habe immer mit dem Feuer gespielt. Viele mei- ner Werke waren vom Feuer geprägt: Zeichnungen und Plastiken mit verbrannten und geschwärzten Teilen...Ich habe auch oft die Flamme als solche dargestellt...Aber irgendwann einmal verlangte ich mehr: den auslösenden Faktor nämlich, der mich vorantriebe. Und diesen neuen Impuls gab mir die Begegnung mit dem Ätna, die ich Haroun Tazieff ver- danke. Nun ahnte ich endlich die Lösung meines Problems: glühende Lava, der Stoff aller Stoffe, ursprünglich, unberührt. Ich konnte als Mensch auf ein Material einwirken, das vor mir aus dem Boden sprudelte; und ich war der erste, der einen Blick darauf heftete...Ich war am Kern der Dinge, am Anbeginn der Welt...Sehen Sie, ich hatte das Feuer an seiner Quelle erreicht.

War die Begegnung mitdem Vulkanologen reiner Zufall?

Ja...Obwohl der Zufall im Leben eines Künstlers eine Notwendigkeit ist...Genauer gesagt fand die Begegnung während eines kulturellen Gesprächs am Runden Tisch statt, das das Westschweizer Fernsehen mit Dichtern, Schriftstellern, Galeristen und Haroun Tazieff organisiert hatte. Als Haroun Tazieff uns Filmausschnitte und Diapositive vor- führte, stellte ich fest, dass glühende Lava wie flüs- sige Bronze fliesst, und tatsächlich bestätigte Haroun Tazieff, dass Lava bei ungefähr 1200 Grad aus der Erde tritt, das ist in etwa der Schmelzpunkt der Bronze.

Sie arbeiteten ja bereits seit mehreren Jahren mit Bronze...

Ja. Und ich sagte mir: Wenn ich eines Tages auf ein Material wie Lava einwirken könnte es mit Bronze verschmelzen...Lachend sagte ich zu Haroun Tazieff: «Wenn Sie das nächste Mal den Vul- kan besteigen, gehe ich mit." Da sagte er: « Einver- standen! Treffpunkt Ätna!"

So einfach war das also im Grunde ?

Ja ...ber dann kamen schlaflose Nächte. Unab- lässig beschäftigten mich die verschiedensten Pro- bleme. Schliesslich geht man ja nicht ohne Ausrü- stung auf den Ätna. Es würde eine wahre Expedition, die Unmengen Geld verschlänge Ich befreundete mich mit Jean Sesiano, der als Geophysiker und Alpinist über eine gewisse Erfahrung mit Vulkanen verfügte. Mit ihm führte ich lange Gespräche; als er von meinem Plan erfuhr, ermunterte er mich zum Ausharren. Unsere Wahl fiel selbstverständlich auf den Ätna: denn dieser Vulkan ist fast ständig tätig und hat den Vorteil, am nächsten zu liegen; ausser- dem ist er leichter zugänglich als zum Beispiel der Stromboli oder die Vulkane Islands Uns war bekannt, dass der Ätna 1975 seit mehre ren Monaten bedeutende Ausbrüche hatte. Wir leg- ten also ein Datum fest und begannen mit derVor- bereitung des Materials. Ich erspare Ihnen Einzelhei- ten Denken Sie nur an die Asbestanzüge, die wir uns für die Arbeit am Gipfel des Vulkans besorgen mussten Wir wollten unser Abenteuer auf jeden Fall im Bild festhalten; Sie kennen ja den Film; er trug dazu bei, der Offentlichkeit einen Einblick in unsere Arbeit mit glühender Lava zu ermöglichen Ich war schrecklich neugierig auf die Viskosität dieses Materials. Wie konnte man Lava auffangen, was damit machen? Um die Lava aufnehmen zu kön- nen, stellte ich Werkzeuge und GussTormen aus Stahl her; dazu Formen aus Bronze und Aluminium, möglicherweise zukünftige Plastiken! Ich bewegte mich völlig im Unbekannten. Niemand konnte mir einen Rat geben, denn nie zuvor war ein solches Experiment gemacht worden. Wie wäre die Reaktion der Materialen auf die glühende Lava, wie die Deh- nung und vieles mehr. Würde mir eine Legierung von Bronze und Lava gelingen, und zwar so, dass mich das Ergebnis befriedigte. Es sollten nämlich Plasti ken im weiten Sinne des Wortes entstehen, die eine Einheit bildeten und nicht nur ein einfältiges, zufälliges Amalpam. Wie gesagt, ich schwamm im Ungewissen . . .
Wir sind zum erstenmal im März 1976 gestartet; unsere Expedition zählte insgesamt sieben Mitglieder.
In Sizilien haben uns die Behörden von Catania sehr geholfen; sie stellten uns sogar einen Jeep zur Verfügung, da meiner nicht genügte. In 2200 Metern Höhe haben wir unser erstes Lager aufgeschlagen, wo wir das schwere Material abluden. Dann setzten wir unsern Weg in einem «Ratrack" fort, einer Art Raupenschneemobil, und erreichten den Rand des Hauptkraters. Später errichteten wir etwas weiter unten ein zweites Lager, in 3200 Metern Höhe, und bauten dort einen Iglu, der uns als Küche und "Esszimmer" diente; ringsum stellten wir die Zelte auf, die wir durch einen riesigen Schneewall schützten. Es stürmte furchtbar; die Temperatur lag zwischen 15 und 20 Grad unter Null. Und nicht weit von uns floss Lava; man sah sie vor allem nachts. Ein grandioses Schauspiel! . .. Sie müssen wissen, dass wir bei unserer Ankunft in Catania von Professor Romano, dem Direktor des Internationalen Vulkanologischen Institutes, erfuhren, dass wir einen Tag früher hätten kommen sollen. Denn seit der Nacht zuvor trat keine Lava mehr aus. Stellen Sie sich unsere Enttäuschung vor! Aber wir beharrten auf unserem Vorhaben, als wenn nichts geschehen wäre. Und als wir am Gipfel ankamen, strömte die Lava wieder.

Was als Zufall begann, ist für Sie Schicksal geworden.

Drei Wochen blieben wir dort oben. Das Leben war hart, wir waren erschöpft: Wir bewegten uns in etwa 3200 Metern Höhe, allen körperlichen Anstrengungen ausgesetzt, die unsere Tätigkeit mit sich bringt, inmitten von Giftgasen, die einen fast erstikken und einem die Kleider zerfressen ... Wir arbeiteten unter einer Kappe, eine fürchterliche Hitze von mehr als 1000 Grad vor uns, 15 Grad unter Null im Rücken ... Wir verbrannten uns in derTat das Gesicht, während wir am ganzen Rücken froren. Ubrigens nennt C.G. Jung den Ätna den Berg, der vereist und verbrennt. Dualität, wie Sie sehen. Sie liegt mir bei meiner ganzen Arbeit sehr am Herzen.

Was hat es für Ihre frühere Arbeit als Bildhauer bedeutet, als Sie den Lavastrom sahen?

Einen vollständigen Bruch; wenn man nämlich vor dieser unbezwinglichen Energie steht, wirkt es wie ein Schock auf einen. Die Zerbrechlichkeit des Menschen, die der ganzen Welt, wird einem schonungslos bewusst, und alle Werte sind in Frage gestellt ... Das berührt einen zutiefst. Einerseits stösst das Feuer einen ab, andrerseits fühlt man sich von ihm angezogen: nur wenig fehlt, und man gibt dem unwiderstehlichen Wunsch nach, in einen der Krater zu springen...

Es bedeutete also Bruch, aber auch Kontinuitat, oder nicht? Von Anfang an hat das Feuer Ihre Arbeit inspiriert. Wie erklären Sie sich seine Anziehungs kraft?

Das ist leicht zu erklären. In meiner frühen Jugend wohnten wir im Tessin, auf dem Monte Verita. Die Häuserwaren halb aus Stein, halb aus Holz; Waldbrände waren häufig. Mehr als einmal mussten wir unser Haus mitten in der Nacht überstürzt verlassen, weil uns eine Feuersbrunst bedrohte ... Von meinem Fenster aus sah ich riesengrosse Kastanienbäume und Kiefern in der Ferne iodern...

Und das scheint Ihnen die treffende Erklärung?

Brennende Wälder, brennende Erde ... Glühende Lava plastisch zu formen heisst, dem Feuer eine gewisse Form geben. Zweifellos räche ich mich heute.

Sie hatten... was weiss ich ... Schmied werden können.

Meine Eltern verkehrten viel mit Künstlern. Wie Sie wissen, haben sich Klee, Jawlensky und Giacometti in Ascona aufgehalten ... Marino Marini hat die Freundin meiner Mutter geheiratet. Ich lebte inmitten von Künstlern; um mich herum sprach man nurvon Kunst.

Von den Waldbranden im Tessin zum Atna . .. Ihr Lebensweg scheint mir völlig kohärent.

Sie haben sicher recht ... Ohne den Vulkan hätte ich wahrscheinlich weiterhin in einer anderen Richtung gearbeitet ... Einerseits weitet er ungemein den Horizont meiner Gedanken, andrerseits engt er mich ein: vollkommene Synthese dessen, was ich in meiner Arbeit auszudrücken suche . .. Wenn man das Feuer als solches darstellt, erreicht man nicht den gleichen Effekt, als wenn man versucht, das vulkani sche Feuer als Ausdruck festzuhalten. Das Feuer in Gedanken und Bild, Heiligenscheine auf alten Bildern zum Beispiel, oder das läuternde, das heilige, magische Feuer, das ist etwas ganz anderes als das Feuer des Atna. Das symbolische Feuer ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit, denn es bleibt immer noch genügend Raum für die Vorstellung, über dieses Feuer hinauszugehen. Das Feuer der Vulkane ist die Synthese der materiellen und der geistigen Welt. Auf dem Ätna habe ich das Bild entdeckt, das in uns und ausserhalb von uns alle Bilder des Feuers vereint, seien sie gemalt, plastisch geformt, konzeptuell oder schriftlich festgehalten...

Sie haben vorhin gesagt, dass derAtna Ihre Seinsart in Frage gestellt hat. ..

Meines Erachtens führen abstrakte Kunst und viele zeitgenössische Versuche auf künstlerischem Gebiet zum L'art-pour-l'art-Prinzip. Im Grunde zu einem neuen Akademismus. In einem gewissen Moment hatte ich Angst, dieser Tendenz zu folgen. Ich bemühe mich darum, ihn zu überwinden, indem ich eine Ästhetik ablehne, sobald sie formal, zere bral, trocken ist. Ich versuche, an die mediterrane Gedankenwelt anzuknüpfen, der Quelle der griechischen Philosophie. Dabei stiess ich natürlich auf Empedokles, der in Sizilien, in Agrigent lebte. Für mich verkörpert er einen wichtigen Augenblick des griechischen Denkens, vielleicht des Denkens überhaupt. Es wird berichtet, dass er sich gegen Ende seines Lebens auf den Ätnazurückzog, um das Feuer lange zu betrachten, diese ausserordentliche Energie. Dann stürzte er sich in den Krater, um seine Göttlichkeit nachzuvollziehen. Und es heisst, der Krater habe eine Sandale wieder ausgespuckt, eine einzige, Symbol dieser Göttlichkeit. Ich glaube die zweite gefunden zu haben.

Was bedeutet diese zweite Sandale ?

Das Bindeglied zwischen Mensch und Natur... Für mich kreist alles um den Vulkan. Die uranfängliche Materie wird, in Feuer gefasst, ans Licht gebracht. Für mich symbolisiert der Vulkan die Verbindung von Feuer-Geist und Lava-Materie. Er ist der Ort, an dem sich alles abspielt.

Kehren wirzum Naturbezug zuruck. . .

Wir leben in einem Jahrhundert hochentwickelter Technologie und historischen Wissens, das hauptsächlich durch die Massenmedien verbreitet wird. Die Natur ist hiervon völlig ausgeschlossen. Ich möchte, dass sich in meiner Arbeit die Widersprüche, die ich in der Welt bemerke, aufheben. Ich möchte durch meine Bildhauerei zur Verwirklichung unserer Epoche beitragen, d. h. indem ich mich für die Idee einer möglichen Versöhnung des Menschen mit der Natur und seinen kosmischen Ursprüngen einsetze. Vielleicht empfinden Sie das alles als anmassend; aber Sie fragen, und ich antworte ... Meine Arbeit soll von dem Zeichen der Dualitäten geprägt sein: Männlich-Weiblich, Geist-Materie, Positiv-Negativ, Kreativ-Destruktiv... Was ist der Vulkan? Die Quelle, die eine Welt in unablässiger Zerstörung und Erneuerung enthüllt. Ich bin stark von Gaston Bachelard geprägt, hauptsächlich von seiner Psychoanalyse des Feuers. Er spricht ausführlich über Empedokles. Für Empedokles bestand die Welt aus einem Gemisch von vier Grundelementen, Luft, Erde, Feuer und Wasser, paarweise im Widerstreit: das Wasser löscht das Feuer, der Felsen schützt vor dem Wind, usw. Es geht mir nicht darum, Empedokles' Gedankengänge zu erläutern; nur scheint er mir, und das ist die Hauptsache, das Symbol eines Ganzen zu sein: er war Denker, Heiler, Arzt, Sportler und Gesetzgeber...

Glauben Sie wirklich, dass Ihre Formen die Natur widerspiegeln, weil Sie Bronze und Lava legieren?

Wir müssen die Natur zu unserer Verbündeten machen und sie nicht länger endlos ausbeuten: wir sind ihr tributpflichtig, und nicht sie uns. Erst seit kurzer Zeit denken die Menschen über dieses Problem nach. Wenn ich flüssige Lava verwende, verschmutze ich meine Umwelt nicht, denn ich nehme das Material, wie es dem Vulkan entströmt, also wie die Natur es mir darbietet. Um den Eingriff des Menschen als Gegensatz zu symbolisieren, verwende ich dann Bronze, ferner Ausgangspunkt unserer gegenwärtigen Zivilisation. Daraus ist die ganze Technik hervorgegangen, aus Bronze konnte man erstmals Werkzeuge serienmässig herstellen, die praktischer als z. B. steinerne Werkzeuge waren. Und Empedokles' Sandalen, die ich vorhin erwähnt habe, waren aus Bronze ... Sie sehen den Zusammenhang; Zusammenhang, der mir lieb ist ... Für mich spiegeln diese beiden Stoffe in ihrer Vereinigung die harmonische Zusammenarbeit zwischen Mensch und Natur wider.

Sie wollen im Grunde von vorn anfangen?

Nein, denn ich verwende Bronze, und nicht Stein. Ich hätte Eisen, Stahl oder Tungstein wählen können, was weiss ich ... Aber das scheint mir gar nicht nötig zu sein, denn die Bronze ist schon an sich ein edles Material; ausserdem vereinigt sie sich meiner Meinung nach sehr gut mit Lava, diesem uranfängli chen Stoff ... Manchmal verwende ich auch Plastik, als Mahnung. Plastik ist Wohltat und Ubel zugleich. Plastiktüten überschwemmen uns, und wir wissen nicht recht, wie wir sie vernichten können. Um die Menschen zu alarmieren, nehme ich grosse geometrische Plastikformen mit auf den Ätna und lege rotglühende Lava auf deren Oberflächen, die zu brennen beginnen; sie werden wie von einer Authentizität zerfressen, von Lava, dem Stoff aller Stoffe. In einem gewissen Moment unterbreche ich den Prozess.

Glauben Sie, dass man Ihre Werke als Wamung auffasst? Glauben Sie nicht, dass der Betrachter darin eherschöne Stücke sieht?

Sie mögen eine gewisse Schönheit haben; aber für mich bedeuten sie Warnung. Denken Sie nur an Marino Marinis «Reiter». Er nannte seine Plastik "Der Schrei", denn für ihn ist sie der Schrei des Weltenendes, der Sturz des Ikarus, der Fall des Menschen ... Das sollte diese berühmte Plastik aussagen ... Ende, aber auch Mutterschoss, wenn Sie so wollen.

Ihre Werke waren also gleichzeitig Mutterschoss und Warnung?

Ja.

Versuchen wir, die Dualitat von Ursprung und Ende zu vertiefen.

... Kaum geboren, beginnt man zu altern ... Ich war auf die Frage nicht vorbereitet ... Was soll ich Ihnen darauf sagen? ... Der Vulkan bedeutet ebenso Mutterschoss, aber er kann das, was er aufbaut, wieder zerstören, in wenigen Minuten oder spätestens in einigen Jahren. Und diese Verwüstung wird nun zum fruchtbarsten Boden, den es gibt. Das sind ewige Kreisläufe, die Schlange, die sich in den Schwanz beisst.

Ich verstehe, dass Sie das fasziniert.

Wie kann man einen Vulkan definieren? Man kan ihn nicht als weiblich, aber auch nicht als typisch männlich bezeichnen. Er ist praktisch beides. Er bringt hervor, vernichtet, er vereinigt beide Pole. Er ist die Synthese des Lebens, Geburt, Tod und Verwesung, was man will.

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